Irgendwann kommt man immer an den Punkt, an dem man sich Veränderung wünscht. Wir müssen uns nichts vormachen: meist liegt es an Abschieden, am Jahreswechsel, an einschlagenden Ereignissen (positiv wie negativ), am anderen Geschlecht, an plötzlichen Wendungen, an der Jahreszeit oder wasauchimmer. Irgendwann steht man immer an dem Punkt, wo man sich denkt: neuer Haarschnitt, neue Ansichten, neue Versuche, neue Klamotten, neue Einrichtung, neue Denkweisen, neue Risiken und irgendwann auch erneut auf die Fresse fliegen. Doch bevor man scheitert, fängt man an. Vielleicht ist eine - für sich scheinbar positive - Veränderung wieder nur ein langer Prozess des Scheiterns, der in eben jenem mündet. Ist das zu schwarzmalerisch? Vielleicht ist es auch genau andersrum: Jedes Scheitern ist ein Neubeginn. In jedem Falle folgt irgendwann die emotionale Rezession. Und der Mensch, ehrgeizig wie er ist, will nicht einsehen, dass man auch so leben kann, strebt also Will-Smith-ähnlich, immer wieder nach dem einzig wahren "Glück". Manche stecken sich ihre Ziele zu hoch, die fünf-Jahres-Pläne gehen nicht auf, es folgt die Depression. Andere wiederum haben Glück und die Serotoninproduktion erlebt Hochkonjunktur. Doch irgendwann ist man immer über seinen Zenit hinaus, sei es Gott, sei es Buddha, sei es Allah, sei es Zufall - irgendwann folgt immer die Inflation: Von allem zu viel, von vielem zu wenig, von wenig noch viel weniger. Die Nachfrage viel zu groß, das Angebot viel zu klein. Viel nehmen und viel geben ist nicht mehr drin, Abstriche müssen gemacht werden. Spätestens jetzt schreit man nach einem Rettungsschirm, der einen im Sturzflug von Wolke 7 wieder sachte auf den Boden der Tatsachen bringt. Und dann fängt man wieder von vorne an. Und wieso das Alles? Ist das etwa die Frage nach dem Sinn des Lebens? Wieso wir uns dieses Auf-und-Ab immer wieder antun? Sind die, die vorzeitig aussteigen nicht vielleicht sogar schlau, gar Helden? Oder wirklich nur Feiglinge? Sind wir - die Überlebenden - die Feiglinge, weil wir uns nicht trauen dieses System, welches wir überhaupt nicht durchschauen, für uns zu beenden? Sind wir Teil unserer eigenen Truman-Show? Machen wir uns nur was vor?
Es ist beklemmend, wenn man darüber nachdenkt, was wahr ist und was nicht. Es sind schon die kleinen Dinge, die uns bis auf die Grundfesten erschüttern. Jedes mal auf's neue sind wir schockiert, wenn im Sonntags-Tatort der nette Nachbar von Nebenan plötzlich der Täter ist. Wenn man merkt, dass der sympathische Gesprächspartner schon das ein oder andere mal hinter schwedischen Gardinen saß. Es reicht schon, wenn man sich im Ton vergreift - Meinungen werden schnell gebildet, Schubladen ebenso leicht geöffnet. Doch sie werden auch wieder geschlossen und der verborgene Inhalt darin wird schnell vergessen.
Und irgendwann öffnen wir sie wieder, die Schubladen, die unser Leben schreiben. Wir kramen Erinnerungen, Gerüche, Namen, Daten, Bilder, Telefonnummern hervor, die wir aus irgendeinem Grund behalten haben. Wieso wissen wir nicht mehr. Willkürlich sortieren wir einige davon aus, weil sie uns noch egaler geworden sind, als eh schon. Andere werden wieder verstaut, bis sie einem wieder vor die Füße fallen. Dann erinnert man sich zurück, spürt die Trauer, die Freude, den Schmerz, die Liebe, die Wut. Vielleicht ist es das, was uns am Leben hält: Wir alle tragen einen kleinen Schrank mit Erinnerungen rum, immer wieder sortieren wir aus, wollen nur, dass das essenziellste, nur das A und das O und nichts dazwischen davon übrig bleibt. Bis wir irgendwann alt sind, die Schubladen noch ein letztes mal öffnen und übermannt sind, von all den starken Emotionen. Von der Trauer, der Freude, dem Schmerz, der Liebe und der Wut - das uns das alles so müde macht, das wir einfach nur selig einschlafen, und diesmal ohne Schmerz, ohne Trauer und ohne Wut. Dafür aber mit einer großen Portion Zufriedenheit, unserem "Glück".
Und so schließt sich der Kreis.
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| Ich miste aus. Der Schrank quillt über. Zwischen all den Dingen verliert sich das wirklich Wichtige. |
der text ist so verdammt gut geschrieben, bin gerade wirklich völlig fasziniert!
AntwortenLöschenDanke für deinen super lieben Kommentar!
AntwortenLöschenIch hab das total verpeilt, dass die Serie auch zurzeit im Fernsehen läuft, aber DVDs sind doch eh viel cooler...
Ähm... Das mit dem Alphabet rückwärts habe ich nebenbei gelernt. Mein Bruder sollte das irgendwie in der Grundschule können (Warum auch immer. Was war das eigentlich für eine Lehrerin?) und dann hat er es das ganze Wochenende so lange aufgesagt, bis selbst ich als kleiner Kindergartenzwerg es konnte. Üben muss man das nicht, das ist wie... äh... das Alphabet vorwärts aufzusagen. Und es hat nebenbei auch keine großen Vorteile, außer vielleicht dass man das mal als Witz raushauen kann oder wenn man mal ein Wörterbuch von hinten aufschlagen möchte. Ok, bei "Schlag den Raab" war das einmal auch eine Aufgabe, aber das war's dann auch schon.
Und deinen Text finde ich wirklich richtig, richtig gut! Das macht wirklich immer Spaß, sich deine Posts durchzulesen!
Liebe Grüße
Linda